Wie Sie Partner, Kollegen und den Chef besser verstehen können

Bei Kommunikationsproblemen lasse ich mich von folgendem Satz inspirieren: „Die Landkarte ist nicht das Gebiet.“ Jeder von uns sieht die Dinge anders, auf seine Weise. Oft reden wir aus genau diesem Grund völlig aneinander vorbei: Jeder setzt seine Sichtweise voraus und nimmt an, das Gegenüber hätte dasselbe Verständnis vom Thema. Das führt zu Missverständnissen und Unstimmigkeiten. Das muss nicht sein. Miteinander zu sprechen lässt sich durch Wahrnehmungs- und Verhaltensübungen trainieren – zum Beispiel in meinen offenen Kursen und Firmenseminaren zum Thema “Kommunikationstraining” (VHS Berlin): Schon einfache Veränderungen in Ihrem Verhalten führen zu gelingender Kommunikation mit Ihrem Chef, den Kollegen, mit Freunden, Familie oder Partner. Sie finden Lösungen statt Ihre Meinungsverschiedenheiten zu manifestieren.

Probieren Sie es aus: Lassen Sie sich ein und dasselbe Land von verschiedenen Menschen beschreiben. Wie viele Sichtweisen bekommen Sie? Richtig: Viele. Der eine sagt vielleicht: „Italien ist teuer.“ Der andere: „Italien ist schön.“ Ein Dritter ist der Meinung: „Italien ist zu heiß.“ Ein Vierter findet womöglich: „Italien ist romantisch.“ Jeder verbindet etwas anderes mit dem Land. Diese Überzeugung schwingt auch unausgesprochen mit, wenn sich diese Vier über Italien unterhalten. Sie könnten sich deshalb gründlich missverstehen. Denn wenn wir miteinander reden, nehmen wir automatisch an, dass der andere das Thema genauso sehen sollte – oder sogar so sehen muss – wie wir selbst. Deshalb rangeln wir verbal oft fruchtlos um Sichtweisen, ohne einander auch nur einen Millimeter näher zu kommen.

Seien Sie großzügig – und wechseln sie die Perspektive

Wie können wir solche Missverständnisse vermeiden und besser miteinander umgehen? Eines der großen Geheimnisse guter zwischenmenschlicher Kommunikation ist für mich Großzügigkeit: Lassen Sie den Anderen sein, wie er ist und lassen Sie andere Sichtweisen zu! Noch wirksamer ist es, die Perspektive des Anderen anzunehmen. Nur für einen Moment. Haben Sie keine Angst vor diesem Perspektivwechsel: Wir behalten unsere eigene Meinung ohnehin und müssen sie deshalb nicht ängstlich verteidigen.

Als Beispiel: Jemand spielt gern Golf – das ist ein Sport, der mich bisher nie interessiert hat. Nun könnte ich bei meinem Standpunkt bleiben und sagen: „Sorry, ich finde Golf uninteressant, lassen Sie mich damit in Ruhe“. Oder ich lasse mich darauf ein, die Welt für einen Moment mit den Augen des Anderen zu sehen. Ich entdecke auf diese Weise neue Seiten, und es ist nicht unwahrscheinlich, dass ich dafür etwas bekomme: eine kleine Bereicherung, einen neuen Blickwinkel.

Der Stoff, aus dem der Kleinkrieg ist: Mein Standpunkt ist der beste!

Diese Chance lassen wir uns leider oft entgehen. Statt uns auf Abenteuer dieser Art einzulassen, bleiben wir an unseren Standpunkten kleben und wünschen uns, die anderen würden sie annehmen. Tausend Kriege und Konflikte laufen nach diesem Schema ab – ebenso wie der tägliche Kleinkrieg im Beruf und im Privatleben.

Kennen Sie diesen Sketch von Loriot? Ein schönes Beispiel für weniger gute Kommunikation:

Berta: “Hermann?”
Hermann: “Ja?”
Berta: “Was machst du da?”
Hermann: “Nichts!”
Berta: “Nichts? Wieso nichts?”
Hermann: “Ich mache nichts!”
Berta: “Gar nichts?”
Hermann: “Nein.”
Berta: “Überhaupt nichts?”
Hermann: “Nein, ich sitze hier!”

Berta: “Es könnte ja nicht schaden, wenn du mal etwas spazieren gingest!”
Hermann: “Nein, nein.”
Berta: “Ich bringe dir deinen Mantel!”
Hermann: “Nein, danke.”
Berta: “Aber es ist zu kalt ohne Mantel!”
Hermann: “Ich gehe ja nicht spazieren.”
Berta: “Aber eben wolltest du doch noch!”

Diese völlig misslungene Kommunikation wird von Loriot, dem Meister der Beobachtung unserer Verhaltensweisen, genial überspitzt dargestellt. Daraus können wir auf charmante Weise einiges lernen. Denn eigentlich könnte Berta, die geschäftige Gattin, etwas tun, das ihr Spaß macht statt ihren Mann, der „einfach nur sitzen“ will, mit ungebetenen Ratschlägen zu nerven. Oder aber, wenn sie mit ihm Zeit verbringen will, seine Perspektive, seine Haltung, seinen Standpunkt einnehmen – das hieße zum Biespiel, sich so hinzusetzen wie er, ihm aktiv zuzuhören und ein Gefühl für seine Bedürfnisse zu entwickeln.

Sie können die Anderen nicht verändern – das müssen Sie auch nicht!

Manchmal kommen Menschen zu einem Coaching, die sagen: „Ich bin unzufrieden, weil mein Arbeitskollege mich nicht versteht, weil meine Chef mich nicht anerkennt, weil meine Kinder sich nicht so verhalten, wie ich es brauche. Ändern Sie das!“ Ein guter Coach muss sie dann leider enttäuschen, denn das geht nicht. Die schlechte Nachricht ist nämlich: Sie können die Anderen nicht verändern. Die gute Neuigkeit: Das ist gar nicht nötig. Denn wenn wir uns selbst verändern, ändert sich fast immer auch die Reaktion unserer Umwelt.

Üben Sie daher den Perspektivwechsel: Wenn Ihnen das nächste Mal jemand begegnet, der über etwas spricht, das Sie „nicht die Bohne“ interessiert, lassen Sie sich auf das Experiment ein, die Welt voll und ganz mit den Augen, Ohren, dem Gefühl, Geruchsinn und Geschmacksinn Ihres Gegenübers zu erleben!

So löst sich Ärger ganz leicht in Luft auf

Mehr noch: Denken Sie an eine Person, mit der Sie Schwierigkeiten haben. Sehen Sie diese Person so genau wie möglich vor Ihrem inneren Auge. Versetzen Sie sich dann so gut es geht in Ihr Gegenüber hinein: in seine Körperhaltung, seine Mimik, seine Art zu sprechen und sich zu bewegen, seine Wortwahl, seine Gesten. Versuchen Sie, seine Gefühle zu fühlen, seine Gedanken zu denken. Und dann fragen Sie sich: Wie will ich dieser Person von jetzt an begegnen? Sie werden mit ein wenig Übung sehen: Manch zorniger Gedanke löst sich allein durch das Einnehmen der Perspektive des Anderen in Luft auf!